Die große Nachfrage nach Informationen rund um Morbus Parkinson haben den 3. Hiltruper Parkinson-Tag wieder zu einem vollkommenen Erfolg werden lassen. Allein über 300 Besucher kamen in das Mutterhaus, um sich über die Therapiemöglichkeiten und die damit verbundenen sozialrechtlichen Aspekte zu erkundigen.
Die Expertenrunde beim 3. Hiltruper Parkinsontag: (v.l.) Alexander Geißler, Jana Hempelmann, Dr. Christoph Aufenberg, Dr. Michael Kros, Dr. Wolfgang Kusch und Dr. Michael Ohms.
Freezing, Fahrtest und Forced Exercise Tandem
Der Alltag mit Parkinson - 300 Interessenten informierten sich
Die Ärzte der Klinik für Neurologie mit Klinischer Neurophysiologie boten eine Vielfalt von Themen, durch die Moderator und Chefarzt Dr. Wolfgang Kusch führte.
Keine großen Hoffnungen auf eine erfolgreiche Behandlung ohne Nebenwirkungen machte Dr. Michael Ohms. “Ein ideales Medikament gibt es nicht”, so der Oberarzt. Man könne lediglich den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Das sei der wichtigste Effekt. Besonders im Spätstadium sei der Patient schwer zu therapieren. Dazu zählen Wirkungsschwankungen bei der Aufnahme und Ausscheidung der Medikamente und die Schwierigkeit, einen Weg zwischen Unter- und Überbewegungen zu finden.
Freezing-Phänomen
Als ein gutes Notfallmedikament gelten Apomorphine, die innerhalb von zehn Minuten eine Beweglichkeit wiederherstellen, aber rasch aus dem therapeutischen Bereich herausfallen. Oft werde der therapeutische Bereich bei einer sehr schwer vorhersehbaren Beweglichkeit nicht erreicht. Dies ist bei dem Freezing-Phänomen der Fall, bei dem der Patient plötzlich stehen bleiben muss und sich nicht fortbewegen kann. Musikalischer Taktgeber oder ein so genannter Freezing-Stock können Abhilfe schaffen. Um die Spitzen einer Medikamentenkurve zu kappen, ist eine kontinuierliche Medikamentierung mittels Pens unter die Haut oder Pumpe direkt in den Dünndarm empfehlenswert. Dadurch kann der Dopamin-Mangel an den Rezeptoren im Gehirn bei gleichmäßiger Wirkstoff-Konzentration im Blutspiegel ausgeglichen werden. Die Handhabung einer Pumpe erfordert geschultes Personal.
Die Chance auf Rückkehr in den Beruf
Als weiterer Behandlungsansatz gilt die Tiefenhirnstimulation (DBS), bei der Elektroden in bestimmte Hirnareale gesetzt werden. Sie ist weniger für Risikopatienten geeignet als für jüngere Patienten. So konnte ein bereits aus dem Berufsleben geschiedener Mann nach der OP wieder seiner Tätigkeit nachgehen. Weltweit gibt es 50 000 Parkinson-Patienten, die mit einer DBS versorgt sind.
Das Medikamentenchaos beherrschen
Die Palette der Neben- und Wechselwirkungen der Parkinson-Medikamente ist groß. Dabei unterschied Dr. Christoph Aufenberg zwischen der pharmakokinetischen und der pharmakodynamischen Wechselwirkung, die individuell unterschiedlich sei. Da sei Chaosforschung gefragt, drückte sich der Oberarzt aus. Bei bis zu 15 Medikamenten am Tag herrsche eine Komplexität, der man kaum Herr werden könne. Deshalb empfiehlt er, möglichst wenig Medikamente zu verschreiben, um deren Gefahr der Wirksamkeits-Verstärkung oder -Verminderung zu mindern. So viel wie nötig, nicht mehr als erforderlich.
Nebenwirkungen
Die häufigsten Nebenwirkungen sind Schlafstörungen, Müdigkeit, Halluzinationen, Übelkeit, gar Herz-Rhythmus-Störungen. Vorsicht gilt bei Migränemitteln. Bei dem Serotoninsyndrom nach Einnahme von MAB-B-Hemmern kann es zu akuter Lebensgefahr kommen. Gewarnt hatte Dr. Christoph Aufenberg auch vor Neuroleptika. Generell empfiehlt es sich, Parkinson-Medikamente 30 Minuten vor oder zwei Stunden nach der Mahlzeit einzunehmen, um die Gefahr der Wechselwirkungen herabzusetzen. Näheres über die Wechselwirkungen von Parkinson-Medikamenten findet man bei www.parkinson-datenbank.de.
Sozialrechtliches
Auch sozialrechtliche Themen kamen nicht zu kurz. So riet Dr. Michael Kros bei aufkommender Fahruntüchtigkeit unbedingt den Hausarzt zu informieren und nicht die Fahrerlaubnisbehörde. “Wir raten dringend davon ab,” so der Oberarzt der Neurologie. Diese würde ein Gutachten anfordern, das neben hoher Kosten ein bürokratisches Gangwerk einleite und mit einem meist negativen Bescheid ende. Häufigste Fehlverhalten im Straßenverkehr seien falsche Einschätzung der Geschwindigkeit, der Position z.B. beim Einparken oder der Linienführung sowie der Orientierung. Was den meisten Menschen nicht bewusst ist, dass bei grober Fahrlässigkeit eine Strafandrohung bis zu fünf Jahren bestehe. Möglichkeiten, sein Fahrverhalten zu testen, gibt es beim Zentrum für Neurologische Rehabilitation in Münster.
Physiotherapie bei Parkinson
Wege der krankengymnastischen Behandlung zeigte Alexander Geißler auf. In den Anfangsstadien sind Gruppengymnastik, Gleichgewichtstraining und regelmäßige Bewegungstherapie wichtige Bestandteile der Parkinson-Therapie. In den späteren Stadien werden zunehmend Hilfsmittel zur Stabilisierung der Standfestigkeit und beim Gehen in der Einzeltherapie zum Einsatz kommen. Haltungs- und Gangübungen, Krafttraining und Maßnahmen zur Detonisierung der Rückenmuskulatur lindern die Krankheit. Gleichzeitig erhalten die Patienten Training auf dem Laufband oder Ergometer, bei dem das Gehirn bis zu 25 Prozent mehr durchblutet wird als im Normalzustand. Zudem verfügt die Physiotherapie über einen 60 Meter langen barrierefreien Gang, der zudem akustische Reize liefert.
Das Gleichgewichtstraining nimmt eine besondere Stellung ein, um die Sturzgefahr zu mindern, zumal dann, wenn sog. Freezing-Erscheinungen zusätzlich auftreten. Die posturale Kontrolle wird außerdem durch ein geeignetes Hilfsmanagement gestützt. Zum Einsatz kommen Gehwagen, Thera- oder Balance-Trainer, die über eine Softwareschnittstelle interaktiv bedient werden können. Neue aus den USA kommende Systeme unterstützen die physiotherapeutische Behandlung. So verbessert eine Aktivität des Patienten mit 90 Umdrehungen pro Minute auf dem so genannte Forced Exercise Tandem spürbar sowohl die Hirntätigkeit als auch den Tremor.
Damit die fast 300 Besucher einen Eindruck von den physiotherapeutischen Möglichkeiten erhielten, studierte Jana Hempelmann gleich ein paar Sitzübungen mit ihnen ein.
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