Botulinumtoxin

Allgemeines

Botulinumtoxin (Botulus lat. = die Wurst) wird von einem obligat anaeroben Bakterium Clostridium botulinum gebildet. Das Bakterium ist außerordentlich widerstandsfähig und weltweit verbreitet im Erdreich und Wasser. Befindet sich das Bakterium in Lebensmitteln, insbesondere in schlecht oder unzureichend konservierter Dosennahrung, kann es zu schweren Lebensmittelvergiftungen kommen. Dabei sind wenige Mikrogramm bereits ausreichend um schwerste Vergiftungserscheinungen bis hin zum Tod hervorzurufen (Botulismus). Wird nur ein Bruchteil des Toxins verwendet, ist Botulinumtoxin ein hochwirksames Medikament zur Behandlung von Bewegungsstörungen (z.B. Dystonie), Spastik und vieles weitere. Mittlerweile sind 8 verschiedene Typen von Botulinumtoxinen bekannt (A. B, Cl, C2, D, E, F und G). Als Medikamente werden Botulinumtoxin Typ A oder Typ B verwendet.

Wirkungsweise

Die Informations- oder Reizweiterleitung in einem Nerven geschieht prinzipiell elektrisch. An den Nervenendigungen (sog. Synapse) werden die elektrischen in chemische Impulse (Botenstoffe) umgewandelt, um auf einen anderen Nerven oder auch Muskel weitergeleitet werden zu können.

Die Übertragung erfolgt mit dem Botenstoff Acetylcholin, welcher in kleinen Bläschen (sog. Vesikel) in der Nervenendigung gelagert ist.

Um ausgeschüttet zu werden, muss zunächst jedoch die Speicherkammer (Vesikel) mit der Umhüllung der Nervenendigung (Membran) verschmolzen werden. Diese Verschmelzung wird durch einen Eiweißkomplex vermittelt, der aus mehreren Einheiten (SNAP-25, VAMP und Syntaxin…) besteht.

Alle Botulinumtoxintypen stören die Funktion dieses Komplexes, indem sie an spezifischen Stellen die Eiweisse zerschneiden, was durch die Scheren verdeutlicht wird. Somit kann es als Folge der Toxinwirkung nicht zur Ausschüttung von Überträgerstoff kommen.

Somit wird eine Reizweiterleitung von der Nervenendigung zum nächsten Nerv oder Muskel unterbrochen.

Wirkdauer

Zunächst dauert es durchschnittlich 5 Tage nach einer Behandlung, bis das Botulinumtoxin wirkt, da das Toxin nach der Aufnahme in die Nervenendigung umgewandelt wird.

Die Wirkdauer beträgt durchschnittlich 3-4 Monate. In dieser Zeit werden die vom Botulinumtoxin gespaltenen Proteine wieder neu gebildet und das Botulinumtoxin abgebaut.

Entsprechend muss die Behandlung mit Botulinumtoxin alle 3-4 Monate wiederholt werden. Andererseits bildet sich eine durch die Behandlung möglicherweise unbeabsichtigt verursachte Muskelschwäche ebenfalls innerhalb dieses Zeitraumes vollständig zurück.

Indikationen

Die ersten Erkrankungen, die 1979 mit Botulinumtoxin-Injektionen behandelt wurden, waren bestimmte Formen des Schielens und der Blepharospasmus (Lidkrampf). In den folgenden Jahren vervielfältigten sich die Erkrankungen, bei denen Injektionen mit Botulinumtoxin erfolgreich eingesetzt wurden.

Hier eine Übersicht der wichtigsten Indikationen:

(Siehe auch unter Dystonie)

Vom BfArM zugelassen

  • Blepharospasmus (Blinzelkrampf)
  • Spasmus hemifacialis
  • Spastischer Schiefhals
  • spastischer Spitzfuß bei Kindern
  • spastische Hand bei Erwachsenen

Andere fokale Dystonien

  • spasmodische Dysphonie
  • oromandibuläre Dystonie (tardive Dyskinesien, Meige-Syndrom)
  • aufgabenspezifische Dystonie (z.B. Schreibkrampf, Musikerkrampf)
  • sonstige Extremitätendystonien (z.B. Großzehenextensor)

Weitere neurologische Indikationen

  • Spastik bei Erwachsenen (vorwiegend fokale Formen)
  • Tremor (Zitterkrankheiten wie essenzieller Kopftremor, Händetremor)
  • Fokale Hyperhidrosen (pathologisches Schwitzen)
  • Gustatorisches Schwitzen

Weitere Indikationen

  • Gastroenterologisch: Achalasie, Analfissur, Anismus
  • Urogenital: Sphinkterhypertonus
  • Opthalmologie: Abduzensparese, protektive Ptose
  • Orthopädie: postoperative Ruhigstellung
  • Plastische Chirurgie: Gesichtsfalten

Gegenanzeigen (Kontraindikationen)

  • Schwangerschaft oder Stillzeit (aufgrund fehlender Daten)
  • Patienten mit Myasthenia gravis oder Lambert-Eaton-Syndrom (Störungen der Muskelaktivität)
  • Patienten mit nachgewiesene Überempfindlichkeit gegen einen der Bestandteile
  • Patienten, die aufgrund einer anderen Erkrankung an einer Dysphagie (Schluckstörung) leiden

Mögliche Nebenwirkungen

  • größere Ausbreitung des Toxins um den Injektionsort mit der Folge, dass auch weiter entfernt liegende Muskeln vorübergehend gelähmt werden (z.B. vorübergehendes Hängen des Oberlids bei der Behandlung von Blepharospasmus)
  • leichtes Brennen, kleiner blauer Fleck (Hämatom) an der Einstichstelle

 

zum Seitenanfang